Wer regelmäßig in Camping- oder Wohnmobilforen unterwegs ist, kennt diese Aussagen:
„Freistehen kann man vergessen.“
„Keiner grüßt mehr.“
„Alle laufen über die Parzelle.“
„Camping ist nicht mehr das, was es mal war.“
Solche Kommentare lesen wir inzwischen fast täglich. Und ganz ehrlich: Auch wir haben Situationen erlebt, in denen wir uns gefragt haben, ob sich der Umgang unter Campern verändert hat.
Aber stimmt das wirklich?
Oder erleben wir gerade etwas ganz anderes?
Vielleicht stellen wir einfach die falsche Frage.
Camping boomt wie nie zuvor
Die Zahlen sprechen eine eindeutige Sprache.
Im Jahr 2005 wurden in Deutschland rund 21,7 Millionen Campingübernachtungen gezählt.
2025 waren es bereits 44,7 Millionen.
Das bedeutet: Die Zahl der Campingübernachtungen hat sich innerhalb von zwanzig Jahren mehr als verdoppelt.
Auch der Wohnmobilbestand ist rasant gewachsen. Anfang 2025 waren erstmals mehr als eine Million Wohnmobile in Deutschland zugelassen.
Camping ist längst kein Nischenhobby mehr.
Es ist ein Massenmarkt geworden.
Quellen
- Statistisches Bundesamt (Destatis): https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2026/03/PD26_N020_45412_61.html
- Kraftfahrt-Bundesamt: https://www.kba.de
Warum sich trotzdem alles voller anfühlt
Natürlich sind in den vergangenen Jahren neue Campingplätze entstanden.
Viele bestehende Plätze wurden modernisiert oder erweitert.
Aber die Nachfrage ist wesentlich schneller gestiegen als das Angebot.
Die Folge erleben heute viele Camper:
- Lieblingsplätze sind ausgebucht.
- Stellplätze sind deutlich früher voll.
- Spontane Reisen werden schwieriger.
- Für beliebte Campingplätze muss häufig Monate oder sogar ein Jahr im Voraus reserviert werden.
Das betrifft längst nicht mehr nur Freistehplätze.
Es betrifft den gesamten Campingmarkt.
Unser Beispiel auf Fehmarn
Viele Jahre war ein Campingplatz auf Fehmarn unser absoluter Lieblingsplatz.
Wir konnten spontan losfahren.
Selbst direkt in der ersten Reihe am Wasser war fast immer noch ein Platz frei.
Dann kam Corona.
Camping boomte.
Gleichzeitig wechselte der Betreiber und investierte kräftig in den Platz.
Heute ist die Anlage wunderschön.
Aber spontan dort stehen?
Nahezu unmöglich.
Wer in der Hauptsaison oder an beliebten Wochenenden einen Platz möchte, muss häufig viele Monate oder sogar ein Jahr vorher reservieren.
Hat sich der Platz verdoppelt?
Nein.
Hat sich die Nachfrage verändert?
Ganz offensichtlich.

Was die Psychologie dazu sagt
An dieser Stelle wird es spannend.
Denn die Psychologie kennt seit vielen Jahren ein Phänomen, das erstaunlich gut erklärt, was gerade im Camping passiert.
Es nennt sich Knappheitseffekt (Scarcity Effect).
Die Grundidee ist überraschend einfach.
Nicht die Menschen verändern sich zuerst.
Sondern die Situation.
Sobald eine Ressource knapp wird, verändert sich unser Verhalten.
Das kennen wir aus vielen Bereichen unseres Lebens.
Während der Corona-Pandemie kauften plötzlich Menschen große Mengen Toilettenpapier.
Nicht weil sie plötzlich egoistischer geworden waren.
Sondern weil sie Angst hatten, später leer auszugehen.
Dasselbe Prinzip erleben wir heute beim Camping.
Früher dachten viele Camper:
„Da wird schon irgendwo noch ein Platz frei sein.“
Heute denken viele:
„Wenn wir jetzt nicht buchen, stehen wir vielleicht nirgendwo.“
Allein dieser Gedanke verändert unser Verhalten.
Die Psychologen Sendhil Mullainathan und Eldar Shafir beschreiben genau dieses Phänomen in ihrem Buch Scarcity – Why Having Too Little Means So Much.
Knappheit verändert unsere Aufmerksamkeit.
Sie erzeugt Stress.
Und sie verändert Entscheidungen.
Knappheit verändert unser Verhalten
Im Camping bedeutet das häufig:
- Wir buchen deutlich früher.
- Wir bleiben länger auf einem Platz.
- Wir sichern uns Wunschtermine.
- Wir reagieren empfindlicher auf Störungen.
- Wir verteidigen unseren Stellplatz stärker.
Nicht weil wir schlechtere Menschen geworden sind.
Sondern weil Knappheit Stress erzeugt.
Die Situation verändert unser Verhalten.
Nicht unser Charakter.

Warum wir uns vor allem an die negativen Erlebnisse erinnern
Hinzu kommt ein weiterer psychologischer Effekt.
Der Nobelpreisträger Daniel Kahneman und sein Forschungspartner Amos Tversky konnten zeigen, dass Menschen Verluste deutlich stärker wahrnehmen als gleich große Gewinne.
Psychologen sprechen von Verlustaversion (Loss Aversion).
Vielleicht kennt ihr das selbst.
Ihr verbringt zehn wunderschöne Tage auf einem Campingplatz.
Alle Nachbarn sind freundlich.
Alle grüßen.
Die Atmosphäre ist entspannt.
Und am letzten Abend läuft jemand quer über eure Parzelle oder lässt bis Mitternacht den Generator laufen.
Woran erinnert ihr euch Wochen später?
Genau.
An den Generator.
Nicht an die zehn schönen Tage.
Unser Gehirn speichert negative Erfahrungen wesentlich intensiver.
Dadurch entsteht leicht der Eindruck:
„Früher war alles besser.“
Ob das tatsächlich stimmt, ist eine ganz andere Frage.
Ist der Camper-Knigge verschwunden?
Vielleicht nicht.
Vielleicht treffen heute einfach viel mehr Menschen aufeinander.
Früher war Camping eine vergleichsweise kleine Gemeinschaft.
Viele ungeschriebene Regeln wurden ganz selbstverständlich weitergegeben:
- Man grüßt sich.
- Man hilft sich.
- Man hält Abstand.
- Man läuft nicht über fremde Parzellen.
- Man hinterlässt seinen Platz sauber.
- Man nimmt Rücksicht.
Heute kommen jedes Jahr Tausende neue Camper hinzu.
Viele kennen diese Regeln schlicht nicht.
Nicht aus bösem Willen.
Sondern weil sie sie nie gelernt haben.
Was passiert, wenn ein Trend zu erfolgreich wird?
Dieses Phänomen gibt es nicht nur beim Camping.
Es passiert überall.
Ein kleiner Wanderweg wird durch soziale Medien bekannt.
Ein versteckter Strand erscheint plötzlich in Reiseführern.
Ein Fischerdorf wird zum Instagram-Hotspot.
Eine schöne Stellplatz-App macht aus einem Geheimtipp einen bekannten Übernachtungsplatz.
Immer mehr Menschen nutzen dieselbe begrenzte Ressource.
Die Atmosphäre verändert sich.
Nicht unbedingt, weil die Menschen schlechter geworden sind.
Sondern weil Erfolg neue Herausforderungen mit sich bringt.

Vielleicht stellen wir die falsche Frage
Vielleicht sollten wir gar nicht fragen:
„Warum benehmen sich Camper heute schlechter?“
Vielleicht lautet die spannendere Frage:
„Was passiert mit einer Gemeinschaft, wenn aus einem Nischenhobby ein Massenphänomen wird?“
Diese Frage führt zu einer völlig anderen Antwort.
Ja.
Es gibt rücksichtslose Camper.
Die gab es wahrscheinlich schon immer.
Aber gleichzeitig erleben wir heute:
- deutlich mehr Begegnungen,
- deutlich mehr Konkurrenz um attraktive Plätze,
- deutlich mehr Konfliktpotenzial.
Nicht weil Menschen grundsätzlich schlechter geworden sind.
Sondern weil sich Camping verändert hat.
Unser Fazit
Wir glauben nicht, dass Camping kaputt ist.
Und wir glauben auch nicht, dass Camper grundsätzlich rücksichtsloser geworden sind.
Wir glauben vielmehr, dass Camping heute Opfer seines eigenen Erfolgs ist.
Die große Herausforderung besteht deshalb nicht darin, den anderen die Schuld zu geben.
Sondern die Werte zu bewahren, die Camping für viele von uns einmal so besonders gemacht haben:
- Rücksicht
- Gelassenheit
- Hilfsbereitschaft
- Respekt
- und das kleine freundliche Winken, wenn man sich begegnet.
Denn genau diese Kultur entscheidet darüber, wie sich Camping in Zukunft anfühlen wird.
Quellen
Statistisches Bundesamt (Destatis)
Campingübernachtungen in Deutschland und Tourismusstatistik
https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2026/03/PD26_N020_45412_61.html
Kraftfahrt-Bundesamt (KBA)
Bestand der Wohnmobile in Deutschland
https://www.kba.de
Mullainathan, Sendhil & Shafir, Eldar (2013)
Scarcity – Why Having Too Little Means So Much.
Times Books.
Kahneman, Daniel (2011)
Thinking, Fast and Slow.
Farrar, Straus and Giroux.
Zum Weiterlesen
Wer sich intensiver mit den psychologischen Hintergründen beschäftigen möchte, dem können wir folgende Bücher empfehlen:
Scarcity – Why Having Too Little Means So Much
Sendhil Mullainathan & Eldar Shafir
Das Standardwerk zum Thema Knappheit. Die Autoren zeigen anhand zahlreicher Studien, wie begrenzte Ressourcen unser Denken, unsere Entscheidungen und unser Verhalten beeinflussen.
Schnelles Denken, langsames Denken
Daniel Kahneman
Der Klassiker der modernen Verhaltenspsychologie. Besonders spannend für unser Thema sind die Kapitel über Verlustaversion, Wahrnehmungsverzerrungen und Entscheidungsfindung.
Influence – Wie man (andere) überzeugt
Robert Cialdini
Warum Knappheit Dinge wertvoll erscheinen lässt und wie Menschen auf begrenzte Ressourcen reagieren.
Das soziale Tier
Elliot Aronson
Eines der bekanntesten Bücher über Gruppenverhalten, soziale Normen und zwischenmenschliche Konflikte.
Hinweis: Bei allen Buchlinks handelt es sich um sogenannte Affiliate-Links. Am Preis ändert sich für Dich nix aber wir erhalten als Dankeschön einen kleinen Obulus.


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